Zweifel an den Ursachen?

Haben Sie Zweifel, dass es den Klimawandel wirklich gibt oder dass er wirklich so schlimm sein soll? Es gibt ja viele Menschen, die genau dies behaupten und sagen, er sei höchstens teilweise menschengemacht. Doch was wäre, wenn Ihre Tochter Krebs hätte und ein Arzt sagt, sie wird daran sterben, wenn sie nichts tun und ein anderer sagt, es sei sicherlich ein gutartiger Tumor und eine OP sei überflüssig. Würden Sie dann eine OP machen lassen? Im Gespräch mit dem Arzt, der von der OP abrät, merken Sie vielleicht sogar, dass der Arzt das Wort Skalpell gar nicht kennt und auch von Anästhesie nie etwas gehört hat.

Ähnlich ist es mit dem Klimawandel. Fragen Sie Menschen, die den menschengemachten Klimawandel anzweifeln, nach ein paar Fachworten, wie dem Albedo-Effekt oder der Keeling-Kurve (Erklärungen siehe unten). Oder fragen Sie nach, wieviel CO2 die Menschheit noch verbrauchen kann, bevor der Klimawandel unumkehrbar wird. Möglicherweise wird dann sehr schnell klar, dass sie keine Ahnung haben, wovon sie sprechen.

Ist sich die Wissenschaft sicher?

Die kurze Antwort ist: Ja. Wissenschaftler sind sich seit vielen Jahrzehnten sicher, dass der Klimawandel menschengemacht ist: Eine Auswertung von ca. 12 000 wissenschaftlichen Artikeln von 2013 ergab, dass nur 0.7% den menschengemachten Klimawandel bezweifelten (siehe hierzu auch unten), während es 2006 noch 6% waren [1]. Und Wissenschaftler sind sich ebenfalls seit Jahrzehnten sicher, wohin das führt. Nur, wie schnell wir unsere Treibhausemissionen gesteigert haben und wie sehr sich der Klimawandel beschleunigt hat, haben manche Wissenschaftler nicht erwartet [2]. Oder ob sich die Temperatur bis 2100 um 3°C oder 5°C erhöht haben wird (im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten), wenn wir auf unserem derzeitigen Pfad bleiben, ist nicht ganz sicher. Gemessene CO2-Konzentrationen und Temperaturen zeigen, dass der Gehalt von CO2 in der Erdatmosphäre stetig ansteigt und wir jetzt (2019) bereits eine Erwärmung von 1°C überschritten haben [3].

CO2-Konzentrationen in der Luft bis 2019. Messungen der Wetterstation Mauna Loa, Hawai (sog. Keeling-Kurve; Quelle: Delorme, Wikipedia, CC BY-SA).

Aus Eisborungen kann man noch einen weiteren Blick in die Vergangenheit werfen, da im Polareis kleine Luftmengen aus vergangenen Zeiten eingeschlossen sind. Daduch konnte man CO2-Konzentrationen noch tausende von Jahren zurück in der Vergangenheit messen. Es ergibt sich ein ziemlich eindeutiges Bild: Erst seit Beginn der Industrialisierung stieg die CO2-Konzentration stark an:

File:Ghgs-lawdome-2000yr-CO2-asof2010.svg
CO2-Konzenzentration in der Luft bis 2016, gemessen anhand von Eiskernen und atmosphärischen Messungen
(Quelle: DeWikiMan, Wikimedia, CC BY-SA; Daten von NOAA und CSIRO).

Sind die Vorhersagen der Klimamodelle verlässlich? Auch hier lautet die Antwort: Ja. Bereits Klimamodelle aus den 80er Jahren [4,5], sagten ziemlich genau vorher, dass 2020 etwa 1°C globale Erderwärmung erreicht sein würde (was inzwischen eingetroffen ist). Auch wenn die Annahmen früher Modelle später nicht immer genauso eingetroffen sind (beispielsweise angenommene Emissionen), so waren die Vorhersagen doch schon ziemlich realistisch. Mitte der 90er-Jahre waren die Modelle bereits so exakt, dass CO2-Konzentrationen und Temperaruren heute praktisch punktgenau eingetroffen sind, wie sie vorhergesagt worden sind. Eine Evaluierung verschiedenster neuerer Modelle von 2007 [7] kam zu dem Schluss, dass Klimamodelle realistische Vorhersagen treffen, vor allem auf kontinentaler und globaler Ebene. D.h. die Vorhersagen sind generell verlässlich, nur kleinräumig (regional) gibt es Unsicherheiten. Doch wie kann man überhaupt überprüfen, ob Modelle richtige Vorhersagen treffen ohne in die Zukunft zu schauen? Das geht beispielsweise durch einen Blick in die Vergangenheit: Simulationen mit 14 verschiedenen Klimamodellen beginnend ab 1900 ergaben praktisch den selben Temperaturverlauf, der tatsächlich gemessen worden war (Abbildung unten).

Modellvorhersagen stimmten gut mit historischen, gemessenen Termperaturen überein: Von 14 Klimamodellen vorhergesagte Temperaturen im Vergleich zum Jahr 1900 (gelbe Linien; Mittelwert: rot; in vorindustriellen Zeiten war die Temperatur noch niedriger als im Jahr 1900) und die global gemessene Temperatur (schwarz). Aus Randall et al. 2007 [7].

Außerdem wurden sie für realistisch befunden, da sie die grundlegenden physikalischen Prozesse korrekt abbilden.

Einige neuere Untersuchungen [8,9] deuten jedoch darauf hin, dass in aktuellen Modellen positive Feedbackmechanismen oder Tipping Points (Kippelemente) nicht genügend berücksichtigt sind, so dass in Vorhersagen die Erwärmung unterschätzt wird. Aktuelle Beobachtungen unterstützen dies, so hat das Auftauen des Permafrostes (und damit die Freisetzung von Methan) in Kanada bereits ein Maß erreicht, das laut Weltklimarat erst für nach 2090 vorhergesagt wurde [10]. Es könnten durch das Erreichen der ersten Tipping Points Prozesse in Gang gesetzt werden, durch die die nächsten Tipping Points erreicht werden. So könnte eine Kaskade von Ereignissen in Gang kommen, die das Klima unaufhaltsam weiter erwärmt, selbst wenn wir bis dahin emissionsfrei leben.

Wie kommt es, dass manche Menschen am menschengemachten Klimawandel zweifeln?

1. Rolle der Industrie und Thinktanks (Denkfabriken)

Die überwältigende Zahl an wissenschaftlichen Studien lässt seit Jahrzehnten keinen Raum mehr für Zweifel (siehe z.B. die komplette Referenzliste des IPPC Berichtes 2018). Aber wie kann es sein, dass sich Wissenschaftler einig darüber sind, dass unsere Treibhausemissionen in wenigen Jahrzehnten unsere Lebensgrundlage gefährden werden und gleichzeitig viele Politiker und große Teile der Bevölkerung dies nicht wahrnehmen? Wie kommt es, dass über Jahrzehnte Daten gesammelt wurden und gleichzeitig behauptet wird, es wäre nicht sicher, dass der Klimawandel menschengemacht sei? Tatsächlich ist diese Diskrepanz typisch für viele wissenschaftliche Erkenntnisse. Beispielsweise war spätestens seit ca. 1940 klar, dass Rauchen Krebs verursacht [11]. Lungenkrebs war zuvor eine absolute Seltenheit. Doch es dauerte Jahrzehnte und kostete Millionen von Todesopfern, bis dies bei Regierungen und der Bevölkerung anerkannt war. Dazu trugen auch gezielte Desinformationskampagnen der Tabakindustrie bei (obwohl diesen sehr wohl bewusst war, das Rauchen tödlich ist). Beispielsweise initiierte der Tabakkonzern Philip Morris das Whitecoat Projekt, in dem Ärzte dafür bezahlt wurden, Artikel für Fachzeitschriften zu schreiben, um die gesundheitsschädliche Wirkung des Rauchens in Frage zu stellen [12]. Die Tabakindustrie erschuf dafür scheinbar unabhängige Organisationen, um pseudowissenschaftliche Artikel zu veröffentlichen, in welchen die negativen Folgen des Rauchens bezweifelt wurden und die das Ziel hatten, gesundheitliche Informationen zu unterdrücken [13,14]. Erst 1999 gab Philip Morris zu, dass es einen wissenschaftlichen Konsens gibt, dass Rauchen Lungenkrebs und andere Krankheiten verursacht.

Bei der Leugnung des Klimawandels ist es ähnlich wie mit dem Rauchen. Der Ölkonzern Exxon Mobil wusste bereits 1977 (11 Jahre bevor der Klimawandel öffentlich diskutiert wurde), dass das Verbrennen fossiler Brennstoffe einen Klimwandel verursacht hatte [15]. Exxon investierte sogar 1 Mio. US$, um mithilfe von Messgeräten auf ihren Öltankern CO2-Konzentrationen zu messen. Exxon Mitarbeiter warnten das Management, dass eine Verdopplung der CO2-Konzentration zu einer Erwärmung von 3°C führen würde (eine Einschätzung, die bis heute von Wissenschaftlern geteilt wird). Exxon entschied jedoch, die Warnungen geheim zu halten und gab Millionenbeträge (ca 30 Mio. US$ [16]) aus, um Zweifel am durch fossile Brennstoffe verursachten Klimawandel zu streuen (siehe auch dieses Video, in dem ein ehemaliger Wissenschaftler von Exxon im US Kongress befragt wird). Unter anderem wurden die Global Climate Coalition [17] und verschiedene Thinktanks (d.h. Denkfabriken, welche von der Industrie finanzierte, pseudowissenschaftliche Institute sind, die im Sinne der Unternehmen Artikel schreiben oder Studien förden, [18]). Viele der Thinktanks waren sogar die selben wie die, die die krebserregende Wirkung des Rauchens infrage stellten [15]. Auch die Methoden waren die selben, nähmlich Zweifel zu sähen, gezielt Klimaskeptiker in öffentlich-medialen Diskussionen zu platzieren, um damit in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, es handele sich beim Klimawandel um eine wissenschaftliche Kontroverse [17]. Um eine Vorgehensweise zu veranschaulichen, sei auf einen kürzlich veröffentlichen Artikel des bekannten Thinktanks CATO-Institut verwiesen, das unter anderem von der Tabak-, Pharma- und Energieindustrie finanziert wird [20]: Dieses veröffentlichte im Januar 2019 einen Artikel mit dem Titel „Are climate models overpredicting global warming?“ [19]. In diesem Artikel wird der Anschein erweckt, eine neue wissenschaftliche Studie [21] zeige, dass Modellvorhersagen den Klimawandel überschätzen würden. Liest man jedoch die Orginalstudie selber, so wird schon am Titel „Taking climate models to the next level“ klar, dass dies die Autoren gar nicht gesagt haben. Sie haben nach Möglichkeiten gesucht, bisherige Modelle noch zu verbessern und haben sich daher deren ‚Schwächen‘ angeschaut und Verbesserungemöglichkeiten aufgezeigt. Dies wurde vom Autor des CATO-Institutes so uminterpretiert, dass es scheint, als ob die Autoren nur Schwächen gefunden hätten, durch die der Klimawandel überschätzt werden würde. Ein anderes Beispiel ist die Prager University (PragerU), bei der es sich allerdings nicht um eine Universität handelt, sondern um einen von der Fracking-Industrie finanzierten Thinktank, welcher u.a. YouTube-Videos produziert, die den menschengemachten Klimawandel in Frage stellen [22]. Es gibt viele weitere solche Thinktanks. Um zu wissen, welche Quellen neutral sind, kann man sich also nicht am Namen orientieren. Am besten hält man sich an bekannte wissenschaftliche oder staatliche Institutionen und schaut sich deren Finanzierung an. In der Regel wird man bei jeder Quelle, die den menschengemachten Klimawandel anzweifelt oder relativiert, auf eine Finanzierung durch die Wirtschaft stoßen. Weitere Information zum Thema gibt es unter Wikipedia [23].

In Deutschland versucht u.a. der Thinktank INSM oder ‚Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft‘gegen den Klimaschutz vorzugehen. INSM versucht mit Öffentlichkeitsarbeit und bezahlter Werbung unternehmensfreundliche Botschaften zu verbreiten. Der Thinktank versuchte in der Vergangenheit massiv – und erfolgreich –, der Förderung regenerativer Energien entgegenzuwirken, so wie 2012 mit der Kampagne „EEG stoppen – Energiewende retten“. Die Forderungen der INSM wurden größtenteils in der EEG Novelle von 2012 berücksichtigt, in Folge derer 80 000 Arbeitsplätze in der Solarbranche verloren gingen [24,25,26]. Der Einbruch der Solarenergie ging als „Altmeier-Knick“ in die Geschichte ein. Ähnlichen Erfolg hatte die Kampagne der INSM im Vorfeld der EEG Novelle von 2017/18, die einen dramatischen Einbruch von Neuinstallationen bei der Windenergie führte [27] und bereits nach einem Jahr einen Verlust von 26 000 Arbeitsplätzen zur Folge hatte [28]. Im Jahr 2019 schaltete die INSM in Goolge und anderen Medien Anzeigen, um ihren Artikel „12 Fakten zur Klimapolitik“ [29] zu bewerben, in denen sehr geschickt versucht wird, die öffentliche Wahrnehmung zu verschieben. Eine wissenschaftliche Einordnung der sogenannten ‚Fakten‘ finden Sie u.a. bei Prof. V. Quaschning [30].

Von 2010 bis 2018 haben die fünf größten Öl- und Gas-Unternehmen 251 Mio. Euro für die Einflussnahme bei EU Institutionen (Lobbying) ausgegeben [31].

2. Rolle der Presse

Schließlich kommt hinzu, dass Personen, die am menschlichen Einfluss auf den Klimawandel zweifeln oder ihn verleugnen, in den Medien sehr viel häufiger vertreten sind als Klimaforscher: In einer Studie aus dem Jahr 2019 [32] wurde die Medienpräsenz einer jeweils gleichen Zahl von Klimaskeptikern und Klimaforschern untersucht. Basierend auf 200000 wissenschaftlichen Artikeln und 100000 Veröffentlichungen in digitalen und Printmedien wurde herausgefunden, dass Klimaskeptiker ca. 50% häufiger in Medien vertreten sind als Klimaforscher. Das bedeutet, man liest in den Medien sehr viel häufiger, dass der Klimawandel nicht menschengemacht sei, als dass er menschengemacht sei. Dies ist eine enorme Diskrepanz zur wissenschaftlichen Meinung, nach der nur 0.7% aller Wissenschaftler Zweifel am menschengemachten Klimawandel äußerten [1], d.h. fast 100% aller Wissenschaftler stimmen dem menschengemachten Klimawandel zu. Ein Grund für diese Diskrepanz ist, dass Wissenschaftler hauptsächlich in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichen (nur solche Veröffentlichungen sind in der Wissenschaft anerkannt, weil sie von unabhängigen Wissenschaftlern anonym überprüft wurden), wohingegen Klimaskeptiker vor allem in digitalen und Printmedien veröffentlichen (nur ca. 1% wissenschaftlicher Artikel waren laut oben genannter Studie von Klimaskeptikern geschrieben [32]). Ein weiterer Grund ist, dass Pressevertreter oft den Wunsch haben, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Dabei machen sie sich im Fall des Klimawandels möglicherweise nicht klar, dass es aus wissenschaftlicher Sicht eigentlich nur eine einzige Seite gibt. Beispielsweise werden zu Talkshows ein Wissenschaftler und ein Klimawandelleugner eingeladen, so dass der falsche Eindruck entsteht, dass es zwei Seiten gäbe, Befürworter und Gegner. Um den wissenschaftlichen Stand adäquat widerzuspiegeln, müsste man einen Gegner und 99 Befürworter einladen.

Ein weiterer Aspekt, der den Umgang mit dem Klimawandel erschwert, ist, dass Menschen den Klimawandel als eine ferne Bedrohung wahrnehmen, die vor allem andere betrifft [33,34,35,36]. Auch dies wird oft durch Berichte der Presse gefördert. Ein typisches Bild ist das eines Eisbären auf einer im Meer treibenden Eisscholle. Für die meisten Menschen scheint der Klimawandel so sehr entfernt und sie machen sich nicht die persönlichen Konsequenzen bewusst (Nahrungsmittelknappheit, Verschlechterung der Gesundheit, Migration, Kriege [3]).

3. Psychologische Aspekte

Die interessanteste Frage ist jedoch, wieso sind wir für Manipulationen durch Darstellungen von Thinktanks oder einseitige Pressemeldungen so empfänglich? Wieso klammern wir uns an die Hoffnung, dass der Klimawandel uns nicht treffen wird, wenn wir es als rationale Wesen eigentlich besser wissen könnten (ähnlich wie ein Raucher, der weiß, das er am Rauchen sterben könnte), wenn unsere Experten schon seit Jahrzehnten warnen und wir dies seit Jahrzehnten nicht ernst nehmen.

Laut Wolfe und Tubi [37] ist ein Hauptproblem bei dieser Frage die falsche Annahme, dass Menschen rational handeln würden. Wir handeln zwar oft rational, aber vor allem dann nicht, wenn fundamentale Veränderungen unserer Weltanschauung betroffen sind.

In der Psychologie wird der Umgang mit dem Klimawandel oft im Kontext der Terror Management Theorie oder TMT diskutiert, die bereits seit den 70er-Jahren besteht. 1973 stellte Ernest Becker in seinem Buch “Die Verleugnung des Todes” [38] fest, dass Menschen als intelligente Wesen in der Lage sind, zu verstehen, dass sie eines Tages sterben werden. Daher unternehmen sie große Anstrengungen, um ihrem Leben im kulturellen Kontext einen Sinn zu geben und sich als Individuum als bedeutsam wahrnehmen zu können, was sie in gewisser Weise unsterblich werden läßt. Diese Überlegungen haben die Entwickler der TMT aus sozialopsychologischer Perspektive experimentell untersucht und daraus ist ebendiese Theorie entstanden.

Nach der TMT [39], die inzwischen durch hunderte empirischer Untersuchungen gestützt wurde, bestimmt unser Selbstwertgefühl maßgeblich unser Verhalten, vor allem dann, wenn wir mit unserer eigenen Sterblichkeit konfrontiert werden. Hier liegt die Relevanz der TMT im Kontext des Klimawandels und angemessenen Reaktionen darauf. Ein hohes Selbstwertgefühl zu haben, bedeutet, dass man mit sich selbst im Einklang ist und davon überzeugt ist, ein wertvoller Mensch zu sein. Um unseren Wert beurteilen zu können, meinen wir jedoch unwillkürlich, Referenzen heranziehen zu müssen. Dazu helfen soziale oder kulturelle Normen, Rollen und Weltbilder. Menschen, die diesen Normen entsprechen, haben ein hohes Selbstwertgefühl, weil sie nach ihrem Weltbild, das sie von klein auf bei Eltern, Lehrern, dem gesamten Umfeld gelernt haben, ein wertvoller Teil einer sinnerfüllten Welt sind. Menschen reagieren defensiv auf Bedrohungen gegenüber ihrem Selbstwertgefühl oder ihrer Weltanschauungen (auf denen ihr Selbstwertgefühl basiert). Laut TMT müssen also Weltbild und Selbstwert geschützt werden, damit wir unserer Angst, eines Tages zu sterben, begegnen können. Diese Faktoren sind als Angstpuffer quasi unser Schutzschild, welches insbesondere dann verteidigt wird, wenn es angegriffen wird. Typische Verteidigungsmechanismen sind vor allem:

  • Vermeidung: Wir gehen dem Thema Klimawandel aus dem Weg und schieben Gründe vor, warum wir nichts tun, z.B. keine Zeit.
  • Erduldung: Der Klimawandel macht uns Angst, aber wir denken, dass wir nichts tun können und fühlen uns daher hilflos.
  • Verleugnung: Wir akzeptieren den Klimawandel nicht, da er – wäre er wahr – unsere Weltanschauung massiv angreifen würde, z.B. wenn uns Statussymbole und Luxusreisen oder andere Dinge wichtig sind, die den Klimawandel mitverursachen.
  • Überkompensation (negativ/dysfunktional): Diese beinhaltet Elemente der Verteidigung der eigenen Weltsicht und Selbstwerterhöhung und geht noch einen Schritt weiter: Man kämpft aktiv gegen die Angriffe auf das Weltbild und unterstützt beispielsweise Gruppierungen, die sich genau das zum Ziel gesetzt haben (outgroup antagonism).
  • Überkompensation (positiv/funktional): Man besinnt sich auf sein Weltbild (vielleicht war man früher schon ‚öko‘) oder man stellt das Wohl der Kinder über alles und wird aktiv im Kampf für den Klimaschutz.

All diese Mechanismen laufen unterbewusst ab. Typische Äußerungen, in denen sich solche Mechanismen widerspiegeln, sind: „Sollen sich andere darum kümmern“ (Vermeidung), „Wir müssen an Innovation glauben, irgendein schlauer Wissenschaftler wird eine Lösung finden“ (Vermeidung), „USA und China müssen den Klimaschutz erst mal vorantreiben“ (Erduldung, Verantwortung an andere abgeben), „Klimaschwankungen gab es schon immer, der Klimawandel ist ja gar nicht menschengemacht“ (Verleugnung), „Ihr macht doch nur Panik, da könnte ich reinschlagen“ (Überkompensation).

Es hängt also maßgeblich vom Weltbild ab, wie wir in Bezug auf den Klimawandel reagieren. Und je länger wir mit einem Weltbild gelebt haben, desto mehr wird dieses verteidigt. Ein umweltbewusster Mensch wird also eher reagieren und Klimaschutzmaßnahmen umsetzten (da kein Weltbild angegriffen wird, im Gegenteil), während hingegen Diskussionen um den Klimwandel bei Menschen, denen Fernreisen, große Autos, Luxus, u.ä. wichtig sind, eher als ein Angriff auf ihr Weltbild gewertet werden (unterbewußt), so dass sie nicht aktiv werden werden oder sogar gegen den Klimwandel kämpfen (sind Kinder im Spiel, kann der Familiensinn allerdings überwiegen). Hat man über Jahrzehnte in der Autoindustrie gearbeitet, fällt es einem vielleicht schwer, kurz vor der Rente zu hören zu bekommen, dass das ganze Leben fehlgeleitet gewesen sein soll. Wichtig ist es in solchen Fällen, keine Beschuldigungen vorzubringen, sondern zu verstehen, dass es Menschen in der Vergangenheit schwer gemacht wurde, die Dringlichkeit des Klimawandels zu verstehen (siehe oben, Rolle der Presse und Industrie).

Wenn wir zu den Menschen gehören, die im Sinne der TMT den Klimawandel als Bedrohung sehen, der wir ausgeliefert sind (Erduldung), hilft es zu zeigen, dass wir durchaus Handlungsoptionen haben. Kleine Schritte können diese aufzeigen (z.B. Stromanbieterwechsel, Bahnfahren). Anders ist es bei Menschen, die das Thema generell meiden, weil es ihnen unangenehm ist (Vermeidung). Wenn wir zu dieser Gruppe gehören, werden wir das Thema erst ernst nehmen, wenn wir mit dem Thema konfrontiert werden (und gleichzeitig Handlungsoptionen gezeigt bekommen, sonst würde evtl. der Mechanismus ‚Erduldung‘ einsetzen). Bei einem ‚Erdulder‘ wäre das Zeigen von weiteren, beängstigenden Fakten hingegen kontraproduktiv, da der Mechanimsmus ‚Erduldung‘ verstärkt werden könnte.

Weitere Informationen

Hier ist noch eine Liste populärwissenschaftlicher Quellen (von Naturwissenschaftlern). Antworten auf häufige Fragen findest Du hier. Mehr Informationen zu den psychologischen Aspekten und zur Klimakommunikation gibt es in einem Buch von George Marshall [40] und auf climateoutreach.org.

Erläuterungen

Albedo-Effekt

Der Albedo-Effekt (von Lat. albus „weiß“) bezeichnet das Rückstrahlvermögen der Erde. Dieses kommt durch atmosphärische Rückstrahlung (z.B. Wolken) und durch Reflektion der Polar- und Gletschereismassen zustande. Ohne diese Rückstrahlung würde sich die Erde aufheizen. Daher kommt es durch das Abschmelzen der Polar- und Gletschermassen zu einem Rückkopplungseffekt. D.h. hat die Erderwärmung erst einmal ein Nivau erreicht, bei dem die Eismassen großteils abgeschmolzen sind (Tipping Point), so setzt ein Automatismus ein, durch den sich die Erde noch weiter erwärmt (selbst wenn dann keine Treibhausgase mehr hinzukommen). Siehe der Wikipedia-Artikel über Albdeo und Eis-Albedo-Rückkopplung.

Keeling-Kurve

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e5/Mauna_Loa_CO2_monthly_mean_concentration_DE.svg/480px-Mauna_Loa_CO2_monthly_mean_concentration_DE.svg.png

Die Keeling-Kurve (siehe auch oben) ist eine graphische Darstellung der Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) in der Erdatmosphäre seit dem Jahr 1958. Charles Keeling war einer der ersten Wissenschaftler, der anhand von CO2-Messungen mit Hilfe von Flugzeugen, Wetterballons und Schiffen bemerkte, dass die Konzentration dieses Treibhausgases stetig anstieg. Weitere Details in Wikipedia und dort verlinken Fachartikeln. Bild: Delorme, Wikipedia, CC BY-SA.

 

Wie viel CO2 kann die Menschheit noch verbauchen, bevor der Klimawandel unumkehrbar wird?

Die Menschheit kann noch 420 Gigatonnen verbrauchen, um die Erwärmung auf 1.5°C zu begrenzen [3] [Aktualisierte Zahl Sept. 2019: 350 Gigatonnen]. Dieses CO2-Budget werden wir bei unserem derzeitigen Verbrauch in 10 Jahren (bis ca. 2030) verbraucht haben. Bei höheren Emissionen werden Mechanismern (Tipping Points und Feebackmechanismen) losgetreten, die den Klimawandel unumkehrbar machen [3].

 

Quellen

  1. Cook et al. 2013. Quantifying the consensus on anthropogenic global warming in the scientific literature. Environmental Research Letters 8: 024024. Online
  2. Hansen et al. 1981. Climate impact of increasing atmospheric carbon dioxide. Science 213: 957-966. Online
  3. Weltklimarat (IPCC) 2018. Global warming of 1.5 °C. Special report. Online (eine komplette Liste aller vom Weltklimarat genutzter Quellen gibt es auch hier)
  4. Hansen et al. 1988. Global climate changes as forecast by Goddard Institute for Space Studies three-dimensional model. Journal of Geophysical Research 93: 9341-9364. Online
  5. Houghton et al. 1990. Climate change. The IPCC scientific assessment. Cambridge University Press. Online
  6. Houghton et al. 1990. Climate change 1995. The science of climate change. Cambridge University Press. Online
  7. Randall D.A. et al. 2007. Cilmate models and their evaluation. In: Climate Change 2007: The physical science basis. Contribution of Working Group I to the Fourth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change [Solomon, S., D. Qin, M. Manning, Z. Chen, M. Marquis, K.B. Averyt, M.Tignor and H.L. Miller (eds.)]. Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom and New York, NY, USA. Online. Einen guten historischen Überblick gibt es auch hier.
  8. Steffen W. et al. 2018. Trajectories of the earth system in the Anthropocene. PNAS 115: 8252-8259. Online
  9. Anthony K.W. et al. 2018. 21st-century modeled permafrost carbon emissions accelerated by abrupt thaw beneath lakes. Nature Communications 9: 3262. Online
  10. Farquharson L.M. et al. 2019. Climate change drives widespread and rapid thermokarst development in very cold permafrost in the Canadian high Arctic. Geophysical Research Letters 46: 1-9. Online
  11. Cummings K.M. et al. 2002. Failed promises of the cigarette industry and its effect on consumer misperceptions about the health risks of smoking. Tobacco Control 11 (Suppl I): i110–i117. Online
  12. Orginal proposal for the organisation of the Whitecoat Project at UCSF: Online
  13. Brownell K.D., Warner, K.E. 2009. The perils of ignoring history: Big tobacco played dirty and millions died. How similar is big food? Milbank Q 87: 259-294. Online
  14. Eine gute Zusammenfassung gibt es als Video mit Quellenangaben.
  15. Hall S. 2015. Exxon knew about climate change almost 40 years ago. Scientific American Oct. 26 2015. Online
  16. Liste von Exxon finanzierter Thinktanks und anderer Organisationen auf exxonsecrets.org.
  17. Artikel über die Global Climate Coalition auf Wikipedia.
  18. Artikel über Thinktanks auf rationalwiki.org.
  19. Artilel “ Are climate models overpredicting global warming? “ des Thinktanks CATO Institute. Online
  20. Artikel über das CATO Institut auf Wikipedia.
  21. Eyring et al. 2019. Taking climate models to the next level. Nature Climate Change 9: 102-110. Online
  22. Artikle über die Prager University auf Wikipedia.
  23. Artikel über „Leugnung der menschengemachten globalen Erwärmung“ bei Wikipedia.
  24. Quaschning V. 2019. Stellungnahme für die öffentliche Anhörung zum Thema „Kohleausstieg“ am 15. Mai 2019 im Ausschuss für Wirtschaft und Energie des Deutschen Bundestages. Online.
  25. Hennersdorf A. 2017. Vorrang für Sonne und Wind muss bleiben. WiWo, 26.10.2017, Online.
  26. Fell H.-J. 2013. RWE baut 4 770 Stellen ab – und wer spricht über die 80 000 Jobverluste in der Erneuerbare-Energien-Branche? Windkraft Journal, 17.11.2013. Online.
  27. Witsch K. und Stratmann K. 2919. Ausbau der Windkraft bricht dramatisch ein. Handelsblatt, 27.07.2019. Online.
  28. Wetzel D. 2019. Windindustrie verliert in einem Jahr Zehntausende Arbeitsplätze. Welt, 11.08.2019. Online.
  29. INSM 2019. 12 Fakten zur Klimapolitik – Fortschritt, Wachstum und Klimaschutz gehören zusammen. Online.
  30. Quaschning V. 2019. Faktencheck der „12 Fakten zum Klimaschutz“ der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft INSM. Online.
  31. Laville S. 2019. Fossil fuel big five ’spent €251m lobbying EU‘ since 2010. Guardian, 24.10.2019. Online.
  32. Petersen et al. 2019. Discrepancy in scientific authority and media visibility of climate change scientists and contrarians. Nature Communications 10: 3502. Online
  33. Bord R. J. et al. 1998. Public perceptions of global warming: United States and international perspectives. Climate Research 11: 75–84. Online.
  34. Lorenzoni I. et al. 2007. Barriers perceived to engaging with climate change among the UK public and their policy implications. Global Environmental Change 17: 445–459. Online
  35. Lorenzoni I. et al. 2006. Public views on climate change: European and USA perspectives. Climate Change 77: 73–95. Online
  36. Brügger A. et al. 2015. Psychological responses to the proximity of climate change. Nature Climate Change 5: 1031–1037. Online
  37. Wolfe S. und Tubi A. 2018. Terror Management Theory and mortality awareness: A missing link in climate response studies? WIREs Clim Change. 2018;e566. Online
  38. Becker E. 1973. The Denial of Death. New York: Simon & Schuster.
  39. Greenberg J., Solomon S., und Pyszczynski T. 1997. Terror management theory of self-esteem and cultural worldview: Empirical assessments and conceptual refinements. In M. P. Zanna (Ed.), Advances in Experimental Social Psychology (pp. 61-139). New York: Academic Press.
  40. Marshall G. 2014. Don’t Even Think About It: Why Our Brains Are Wired to Ignore Climate Change. Bloomsbury, New York.


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